Klassenstufe: 9/10 (Lebensfrage 3: Fragen nach einem gelingenden Miteinander), gut geeignet auch für Klasse 8 mit etwas Reduktion der Komplexität.
Thematische Einordnung:
Die Einheit verbindet sozial-diakonisches Lernen mit ethischer Urteilsbildung und Empathieschulung. Der Leitgedanke – „Begleitung statt Betreuung" – ist theologisch und pädagogisch gleichermaßen bedeutsam: Er stellt die Würde und Selbstbestimmung obdachloser Menschen in den Mittelpunkt und hinterfragt paternalistische Hilfskonzepte. Biblisch wird die Einheit durch Jesaja 58,7 und die Werke der Barmherzigkeit gerahmt, ohne dass dies aufgesetzt wirkt.
Aufbau der Unterrichtseinheit (3 Bausteine):
Baustein 1 – Eigene Bedürfnisse (AB 1 und 2): Der Einstieg über die eigenen Grundbedürfnisse ist didaktisch klug gewählt: Bevor die Schüler*innen über andere urteilen, reflektieren sie, was sie selbst zum Leben brauchen. AB 1 (Auswahl und Priorisierung von Lebensbedingungen) regt zur Diskussion in Kleingruppen an. AB 2 führt die Maslow-Pyramide ein und ermöglicht es, eigene Bedürfnisse zu kategorisieren und dann auf die Situation obdachloser Menschen zu übertragen. Die optionale Filmsequenz aus „Cast Away" bietet einen niedrigschwelligen, motivierenden Einstieg für Klassen, die zunächst einen stärker emotionalen Zugang brauchen.
Baustein 2 – Hintergrundwissen (AB 3): Der Einstieg über einen Bildimpuls (Foto eines obdachlosen Menschen) aktiviert Vorwissen und eigene Haltungen. Die Recherche-Aufgabe (Broschüre „Obdachlos in Berlin" und Hinz&Kunzt-Handreichung) ist materialgestützt und gut vorbereitet – die verlinkten Quellen sind seriös und zugänglich. Die Aufgabe, ein eigenes Interview mit fünf Fragen zu entwickeln, fördert Perspektivübernahme und sensibilisiert für die Schwierigkeit, Menschen in schwierigen Situationen respektvoll zu begegnen. Die anschließende Plenumsdiskussion zu gesellschaftlichen Konsequenzen schärft das ethische Urteilsvermögen.
Baustein 3 – Biografisches Lernen (AB 4): Zwei authentische Quellen stehen im Zentrum: ein Video mit Chris (Stadtführer bei Hinz&Kunzt Hamburg) und ein Zeitungsinterview mit Stefan Cramer (Süddeutsche Zeitung, 2018). Beide ermöglichen einen konkreten, menschlichen Blick auf Obdachlosigkeit jenseits von Klischees. Die Analyse von Brüchen und Wendepunkten in Lebensläufen schult historisch-biografisches Denken. Die Verknüpfung mit der Maslow-Pyramide aus Baustein 1 sorgt für eine sinnvolle Kohärenz der gesamten Einheit. Abschließend recherchieren die Schüler*innen Hilfsangebote und entwickeln eigene Handlungsperspektiven – ein wichtiger Schritt vom Verstehen zum Handeln.
Methodische Stärken:
Die Einheit ist sehr gut strukturiert und baut aufeinander auf: von der Ich-Perspektive (eigene Bedürfnisse) über die Sach-Ebene (Hintergrundwissen) zur Begegnung (biografische Zeugnisse) und schließlich zur Handlungsorientierung. Die authentischen Materialien (Video, Zeitungsinterview) verleihen der Einheit Glaubwürdigkeit und Nähe. Der Satz „Begleitung, keine Betreuung" fungiert als roter Faden und theologischer Kompass zugleich.
Hinweise zur Vorbereitung:
Die verlinkten Materialien (Broschüre Berliner Stadtmission, Hinz&Kunzt-Handreichung, Video mit Chris) müssen vorab geprüft und ggf. lokal gespeichert werden, da externe Links veralten können.
Für den Einsatz des Videos (AB 4, Teil I) ist eine stabile Internetverbindung oder ein Download vorab notwendig.
Eine Kooperation mit dem Verein „querstadtein" (Berlin) ist ausdrücklich empfohlen – eine von Betroffenen geführte Stadttour kann die Einheit erheblich bereichern und ist für Berliner Schulen realistisch umsetzbar.
Das Interview mit Stefan Cramer enthält authentische Sprache (Umgangssprache, Worterklärungen vorhanden) – das sollte im Unterricht thematisiert werden.
Differenzierung:
Für leistungsstärkere Gruppen eignet sich die vertiefende Auseinandersetzung mit dem Unterschied „Begleitung vs. Betreuung" als ethisch-theologisches Konzept (Diakonie, Menschenwürde). Für heterogene Klassen kann Baustein 2 (Recherche) arbeitsteilig organisiert werden, um Überforderung zu vermeiden.